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Einladung Jahrestagung 2018

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Der Verein kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare lädt ein zur

Jahrestagung 2018

Deine Daten, meine Daten → ihre Daten?

Über informationelle Selbstbestimmung, Warencharakter von Daten und Datenschutz

Termin

Freitag, 4. Mai 2018, 19 Uhr
offene Generalversammlung des Vereins kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare – alle Interessierten sind herzlich eingeladen (mitstimmen und wählen können aber nur Mitglieder)

Samstag, 5. Mai 2018, 9 bis 18 Uhr
Tagung

 

Ort

Lokal von „transform!at“
Gußhausstraße 14/3 (Hochparterre rechts)
1040 Wien
(nahe Karlskirche; vom Hauptbahnhof erreichbar mit U1 /Stationen Taubstummengasse oder Karlsplatz; sonst auch U4 / Station Karlsplatz)

   

Inhalt

Seit dem Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden Computer im Vorläufer des heutigen Internets, dem Arpanet, miteinander verknüpft und Daten ausgetauscht. Das Arpanet wurde von der US-Luftwaffe entwickelt und diente daher vorerst ausschließlich militärischen Zwecken, später auch der Wissenschaftsgemeinde. Heute stehen wir vor einer Situation, wo der Hauptnutzen des Internets Geschäftemacherei ist. Auch die Daten, die mensch freiwillig oder notgedrungen von sich preisgibt, erhalten Warenform und werden ökonomisch verwertet.

Die Jahrestagung 2018 des Vereins kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare wird untersuchen, ob informationelle Selbstbestimmung überhaupt noch möglich ist, was alles mit unseren Daten passiert und welche Schutzbestimmungen notwendig wären, um den Handel mit Daten zu begrenzen und die Nutzer*innen von Internet und WorldWideWeb möglichst vor Datenmissbrauch zu bewahren.

Auch Bibliotheken erheben und sammeln Daten. Wir versuchen zu erkunden, wie diese persönlichen Angaben nutzer*innengerecht und verantwortungsvoll gespeichert werden können, aber auch, welche Verpflichtungen die Ende Mai in Kraft tretende europäische Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) Bibliotheken auferlegen wird.n.

 

Programm

Freitag
19 Uhr

Offene* Generalversammlung des Vereins kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI)
* Alle Interessierten sind herzlich eingeladen teilzunehmen, abstimmen und wählen können allerdings nur Mitglieder; Beitrittserklärungen auf www.kribibi.at

Samstag Vormittag
(Beginn: 9 Uhr)
Begrüßung und Vorstellungsrunde
Referat und Diskussion
Peter Postmann (Wien):
Data Mining & Künstliche Intelligenz machen Menschen nicht nur gläsern sondern vorhersagbar. AGB und Cookies ablehnen zu können hält die Digitalisierung nicht auf, und egal ob Fahrzeuge, Stromzähler, Krankenakten oder Taschenlampen Apps — alle sammeln Daten und verwerten sie — Ein Überblick über Art und Umfang der Datensammlung bekannter Plattformen und Dienste, Chancen und Risiken der Technologie und Maßnahmen und Möglichkeiten zur individuellen Einflussnahme.
Samstag
12 Uhr
Mittagessen
Samstag Nachmittag
(Beginn: 13 Uhr)
Referat und Diskussion
Andrea Neidhart (Wien):
Bibliotheken — Urheberrecht — Datenschutzrecht
Ein Überblick zur neuen Datenschutz-Grundverordnung der EU und eine kurze Einführung in das österreichische Urheberrechtsgesetz
Samstag
18:00
Abendessen

Das „Theater Baum Schere“ (Sabine Aigner & Helmut Schlatzer) wird das Thema künstlerisch umsetzen.

 

Tagungsbeitrag: € 40,00 (für Mitglieder von KRIBIBI20,00

Darin enthalten sind Nächtigung im Doppelzimmer für Teilnehmer/innen mit Wohnort außerhalb von Wien, Frühstück, Mittag– und Abendessen. Bei der Reservierung eines Einzelzimmers ist der Aufpreis direkt im Hotel zu bezahlen oder KRIBIBI zu refundieren.

Bitte zahlen Sie den Tagungsbeitrag auf folgendes Konto ein:
Empfänger: Verein KRIBIBI
Marchfelder Bank
IBAN: AT76 4211 0251 2242 0000
BIC: MVOGAT22
Verwendungszweck: KRIBIBI-2018

Die für alle Interessierten offene Generalversammlung am Freitag Abend kann auch ohne Bezahlung der Teilnahmegebühr besucht werden. Wir ersuchen aber um vorherige Anmeldung an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

Ihre Anmeldung soll bis spätestens 22. April bei uns eingetroffen sein.
→ zum Anmeldeformular

Ihre Anmeldung ist verbindlich. Erfolgt eine Stornierung nicht spätestens 14 Tage vor Tagungsbeginn, so sind sämtliche Beiträge sowie etwaige Stornokosten in vollem Umfang zu entrichten. Eine Anmeldebestätigung und eine etwaige Bestätigung der Zimmerreservierung werden Ihnen zugesandt.
→ zu den Teilnahmebedingungen

Erreichbarkeit des KRIBIBI-Koordinationsteams: www.kribibi.at, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder
Nikolaus Hamann, Wiener Straße 126, 2262 Stillfried, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Tagungsberichte früherer KRIBIBI-Tagungen stehen hier bereit.

Baustelle Bibliothekswesen (1) — Bibliotheken als Orte nicht-hegemonialer Bildung (nicht nur) für Jugendliche

Publiziert im Heft 0102/2018 der Zeitschrift „Volksstimme – Politik und Kultur : Zwischenrufe links“

Einleitung

Ja, das Schreiben und das Lesen, ist nie mein Fach gewesen, denn schon von Kindesbeinen befasst‘ ich mich mit Schweinen“, singt der wirtschaftlich sehr erfolgreiche Schweinezüchter Kálmán Zsupán in der Operette „Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauß (Sohn) und Ignaz Schnitzer. Der „Schweinefürst“ mag ob seiner Wohlhabenheit und seiner Stellung im Dorf durchaus glücklich und zufrieden gelebt haben, gebildet war er sicher nicht. Dazu fehlt ihm einfach eine Voraussetzung, nämlich das Lesen-Können.

Um das komplette Angebot einer Bibliothek in all ihrer Breite nützen zu können, ist Lesefähigkeit und Medienkompetenz unumgänglich. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen, denn Bibliotheken bieten heute so viele verschiedene Medienarten (Hörbücher, Filme, interaktive Spiele, Internet-PCs usw. an, dass auch auf diesem Weg Bildung erworben werden kann. Allerdings: Wer lesen kann, ist besser dran! Dass umgekehrt ein gut organisiertes und attraktives Bibliothekssystem sehr viel mit Lesefähigkeit und Medienkompetenz zu tun hat, beweist sich jedes Mal an den Ergebnissen der PISA-Tests und verwandter Studien, wo regelmäßig ProbandInnen jener Länder an der Spitze liegen, die auch gut ausgebaute und von einem großen Teil der Bevölkerung gern angenommene Bibliotheken haben.

Debakel für Österreich?

Wann immer wieder einmal eine Messung des „Bildungs“standes von Jugendlichen (aber auch Erwachsenen) à la PISA & Co. veröffentlicht wird, erhebt sich im österreichischen Blätterwald ein lautes Tosen: „Das nächste Debakel für Österreich“ titelte die „Kronen-Zeitung“ am 6.12.2016, und auch die ach so seriöse „Presse“ bezeichnete das PISA-Ergebnis als „nicht akzeptabel“. Ähnliches ereignet sich in Deutschland, in Italien und vielen anderen europäischen Ländern. Eine Ausnahme bildet regelmäßig Südtirol, das sowohl auf ein achtjähriges Gesamtschulsystem als auch auf ein gut ausgebautes Bibliothekswesen verweisen kann.

Die Politik verfällt dann regelmäßig in hektisches Treiben und versucht mit Hilfe von Expert*innen rasch Programme und noch mehr Tests zu ersinnen, mit denen ebenso zügig der vermeintliche Bildungsstand gehoben werden könne. Danach tritt langsam eine Phase der Beruhigung ein, in der vorsichtig-kritische Geister die Frage in den Raum stellen, ob denn die blitzartig erstellten Analysen wirklich so aussagekräftig seien, während konservative wie linke Bildungsfachleute so weit gehen zu erkunden, ob denn da wirklich „Bildung“ (im Sinne der Aufklärung) abgefragt werde oder nicht doch nur Faktenwissen und mathematische wie Lese-Kompetenzen.

Bildung – Ausbildung – Erziehung – Kompetenz

Über Bildung lässt sich trefflich streiten, zu ideologisch aufgeladen ist der Begriff. Da wäre zuerst einmal zu klären, wie sich Bildung zu Ausbildung verhält. Der herrschende Bildungsbegriff – also der Bildungsbegriff der Herrschenden – bezieht sich eher auf Ausbildung und damit Abfrag– und Überprüfbares: „Kennst Du den Satz des Pythagoras? Kannst Du eine Gleichung mit zwei Unbekannten lösen? Wie verteilen sich laut Gregor Mendel die Chromosomen auf Nachkommen? Kannst Du das Wort ‚Blumentopferde‘ auf Anhieb fehlerfrei und richtig betont lesen?“

Dann müsste über das Verhältnis von Bildung und Erziehung gesprochen werden. Während Bildung seit dem Aufklärungszeitalter mit den Kategorien Selbstdenken, Selbstbestimmung und Selbstaneignung assoziiert wird (nicht-hegemoniales Lernen), zielt Erziehung auf das wechselseitige Verhältnis zwischen einer/m Erzieher*in und einer/m zu Erziehenden, mit der Absicht, die zu Erziehenden als diejenigen, die an Erfahrung, Reife und Wissen ärmer sind, gemäß bestimmter vorgegebener (also hegemonialer) Erziehungsziele auf das Niveau der Erzieher*innen hinaufzuheben.

Hinzu kommt noch der modernistische Kompetenzbegriff (z.B. Lesekompetenz). Kompetenzen zeigen sich in der positiven Bewältigung einer spezifischen Anforderung. Sie sind in einer konkreten Herausforderung bewiesene Fähigkeiten und setzen sich aus Ressourcen, Potenzialen, Kenntnissen und Fertigkeiten zusammen. Das zeigt, dass Kompetenzen sowohl im formalen und nicht-formalen als auch informellen Lernen erworben werden können.

Über all diese verschiedenen Begrifflichkeiten sind viele Bücher veröffentlicht worden. Im Zentrum dieses Artikels soll ein Bildungsbegriff stehen, der die „allseitig gebildete Persönlichkeit“ als Ziel hat, d.h. größtmögliche individuelle Entwicklung in Freiheit verbunden mit weitestgehender Verantwortung für die Gesellschaft, in der man lebt.

Ab wann ist frau/man gebildet?

Bildungsentwicklung und der Zustand des Gebildet-Seins können als zwei vom Beginn des Lebens aufeinander zulaufende Linien dargestellt werden, deren Abstand im Verlauf eines Lebens unterschiedlich groß sein kann, die sich aber erst im Unendlichen treffen. Der Prozess der Bildung ist also nie abgeschlossen und wird nur durch den Tod beendet. Wie stark die Annäherung der Linien zueinander verläuft, ist von vielerlei Bedingungen abhängig, letztendlich aber immer dem persönlichen Wollen geschuldet. Der Gesellschaft obliegt es, die Bedingungen so zu gestalten, dass das Wollen sich je nach individuellen Fähigkeiten und Begabungen entwickeln kann, d.h. die optimalen Bildungseinrichtungen – Kindergärten, Schulen, Bibliotheken, Erwachsenenbildungseinrichtungen – zur Verfügung zu stellen, aber auch die Schul– und Arbeitszeit so zu regeln, dass möglichst viel Freiraum für selbstgesteuerte Bildungsprozesse (z.B. in Bibliotheken) bleibt.

Bibliotheken als Orte der Bildung

Wenn es einen Topos gibt, der symbiotisch mit dem Begriff Bildung im oben genannten Sinn verwoben ist, dann ist es die Bibliothek. Bibliotheken als die Orte, wo Wissen gespeichert, systematisiert und aufbereitet wird, waren immer auch den Herrschaftsverhältnissen unterworfen. Dementsprechend können sie ihre wahre Wirkmächtigkeit auch nur unter den Bedingungen einer umfassenden Demokratie entfalten.

Die Voraussetzung für das Entstehen von Archiven und Bibliotheken war die Entwicklung von Schrift. Vorher waren sie nicht notwendig, da das – zum größten Teil gemeinsame – Wissen ausschließlich mündlich weitergegeben werden konnte. Das ist an und für sich eine Binsenweisheit und braucht nicht weiter erläutert zu werden.

Interessanter ist, dass das Entstehen der ersten Schriften sich parallel zur sich über Tausende von Jahren erstreckenden „neolithischen Revolution“ vollzog, also parallel zum Übergang vom gemeinschaftlichen Eigentum der Horde oder des Stammes zum Privateigentum an Produktionsmitteln, also des Privatbesitzes an Grund und Boden und Viehherden. Schrift – als gegenüber der mündlichen Überlieferung dauerhafteres und exakteres Medium von Überlieferung, Wissen und Literatur – entstand also zur gleichen Zeit wie der Übergang von der Gesellschaft der Jäger und Sammler zu Ackerbau und Viehzucht, der Entstehung der ersten Klassen-gesellschaften und der ersten Gründungen von Staaten. Privateigentum musste be“schrieben“, staatliche Verordnungen und Verwaltungsakte schriftlich niedergelegt werden. Es ist daher nachvollziehbar, dass die ersten in Bibliotheken und Archiven gespeicherten „Dokumente“ Aufstellungen über Besitztümer bzw. Handels– und sonstige Verträge sowie Gesetze waren.

Bibliotheken als Machtfaktor

Archive und Bibliotheken begannen also als Erscheinungsformen des Klassenstaates zu existieren, Wissen wurde zu Herrschaftswissen, folgerichtig musste der Zugang zu dem in ihnen gesammelten Wissen auf die Eliten begrenzt werden, was einerseits durch die Beschränkung des Schreibens und Lesens auf wenige Personen bewirkt wurde, andererseits durch die Platzierung der Dokumente in nicht öffentlich zugänglichen Gebäuden.

An diesen Verhältnissen hat sich über viele Jahrtausende nicht viel geändert. Bis zum Ende des Mittelalters blieben sowohl Bildung als auch Zugang zum Wissen auf ganz wenige Privilegierte beschränkt. Dies lässt sich auch an der engen räumlichen Verbindung zu weltlichen und später auch kirchlichen Zentren der Macht ablesen. Erst mit dem langsamen Aufkommen des Bürgertums in der Renaissance wurde es notwendig, den Zugang zu Wissen etwas zu erweitern – es entstanden Universitäten und mit ihnen die ersten Bibliotheken, die nicht an Fürstenhöfen und Klöstern situiert waren. Immer noch aber war Bildung ausschließlich Bildung der Eliten, für das Volk war solche nicht vorgesehen – und ökonomisch auch nicht nötig.

Erste Bildung für die unteren Klassen

Das Entstehen von Manufakturen und ersten Industrien brachte das erste Mal die Notwendigkeit mit sich, auch den unterdrückten Klassen Basiskenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln, was eine Verpflichtung zum Schulbesuch für alle erforderlich machte. Dies führte in allen Staaten, deren Gesellschaftsform sich vom Feudalismus zum Frühkapitalismus wandelte, zu gespaltenen Schulsystemen: Basisbildung für das Volk, erweiterte Bildung für die herrschende Klasse und für die, deren Aufgabe es sein sollte, die Herrschaftsverhältnisse zu stützen und zu sichern.

Die – ökonomisch notwendig gewordene – Verbreiterung des Zugangs zu Wissen war für die Eliten allerdings immer ein zweischneidiges Schwert; einerseits erforderlich, um die Wirtschaft weiter zu entwickeln, andererseits gefährlich, weil mehr Bildung auch zu mehr Einsicht in die Ungerechtigkeit der Klassengesellschaft und vor allem zu mehr Weitsicht bezüglich der Möglichkeiten, diese zu verändern, erlaubte. Folgerichtig entwickelten sich, unter aktiver Beteiligung der unterprivilegierten Schichten, nun neben den Bibliotheken der Elite sogenannte Volksbüchereien. In stärker demokratischen Gesellschaften wie in England, den Niederlanden und den skandinavischen Staaten wurden daraus die „Public Libraries“ (Mischformen von Volksbüchereien und wissenschaftlichen Bibliotheken), in den meisten Fällen durch Gesetze geregelt und abgesichert, in Österreich und Deutschland etwa besteht die organisatorische Trennung zwischen „öffentlichen“ oder „Volks“büchereien einerseits und wissenschaftlichen Bibliotheken andererseits bis heute.

Analoges und digitales Lesen

Lesen hat unser Gehirn nachhaltig geformt und ist und bleibt ein Akt der Selbstermächtigung. In einer Welt, die alles nur mehr in Häppchen serviert, kann das aber recht mühsam werden, denn Lesen macht erst dann Sinn, wenn Informationen mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft werden.

Analoges – auch „Deep reading“ bezeichnetes – Lesen und digitales Lesen unterscheiden sich voneinander. Der klassische Buchtext erfordert sequentielles Lesen, d.h. der Text wird linear als Ganzes gelesen. Dem gegenüber steht die nicht-lineare Hypertextualität des World Wide Web, die punktuelles Lesen nach sich zieht; der Text – eigentlich: die Texte – einer Webseite werden eher sprunghaft aufgenommen. Durch die große Anzahl an Links kann man sich sehr leicht in den Untiefen des WWW verlieren. Außerdem muss jeder Informationsbrocken versuchen, die Aufmerksamkeit der Lesenden rasch auf sich zu ziehen, was einer inhaltlichen Verkürzung Vorschub leistet – ein Phänomen, dass auch im Film oder der Musik zu beobachten ist.

Digitales Lesen muss mit anderen Lesestrategien erschlossen werden. Inhalte auf dem Bildschirm werden eher gescannt als gelesen. Daher erfordert Lesen an jeglichem Monitor wesentlich mehr Disziplin als Lesen vom Papier. Gerade diese Disziplin wird aber durch die Ablenkung der gleichzeitigen anderen Informationen am Bildschirm besonders gestört. Darüber hinaus haben Forschungen ergeben, dass wir digital Aufbereitetes zwar schneller lesen, aber länger brauchen um das Gelesene zu verarbeiten.

Exkurs

Viel zu wenig beachtet wird beim digitalen Lesen meiner Meinung nach die Gefahr, die sich daraus ergibt, dass alles was online gelesen und konsumiert wird auch überwacht und abgespeichert werden kann. Jedes Lesezeichen, das man am E-reader setzt, jeder markierte Satz am Bildschirm, jeder Link, den man öffnet, und jedes Wort, das man im Online-Lexikon nachschlägt, verfeinert das elektronische Röntgenbild, das von jeder/m angelegt werden kann (und vielleicht schon angelegt wird). Überwachung dieser Art ist beim analogen Lesen weniger leicht möglich.

Verlust der Schrift– und Lesekultur?

Die Warnungen, die Menschen würden das Lesen verlernen, haben sich eindeutig als falsch erwiesen. Es ist sogar eine neue Art des Lesens hinzugekommen. Die digitalen Medienwelten bieten Lesestoff zu Hauf. Das Hypertext-Lesen ist nicht minder anspruchsvoll als das lineare Lesen. Expert*innen meinen, dass die Menschheit in Bezug auf das Lesen zur Zeit die größte Umwälzung seit der Erfindung der Schrift erfährt, womit sich gravierende Veränderungen bei der Fertigkeit ergeben, die als bedeutendste – evolutionär nicht angelegte – humane Kulturleistung erachtet wird.

Wirkliche Einbußen erleidet die Schriftkultur. Vom Briefe schreiben weiß man das schon lange. Aber auch sonst macht kaum jemand mehr schriftliche Notizen, statt Tagebüchern wird ein Blog geführt, Kurzmitteilungen sendet man über’s Handy, und dort wird auch die Einkaufsliste gespeichert. Ob Stammbücher heute noch angelegt werden, entzieht sich völlig meiner Kenntnis.

Wer liest, muss nicht alles glauben

Die wirkliche Grenze verläuft also nicht zwischen digitalem und analogem Lesen, sondern – wie auch schon bisher – zwischen Lesen und Nichtlesen. Dies ist das am meisten Besorgnis erregende Ergebnis von Studien zur Lesekompetenz. Wie PISA, PIRLS und PIAAC. Denn Personen mit besonders niedriger Lesekompetenz haben keineswegs nur Schwierigkeiten mit gedruckten Texten, mit digitaler Information kommen sie noch schlechter zurecht. Studien bezüglich der Reaktion des Nervennetzwerkes auf Lesesituationen haben darüber hinaus ergeben, dass ungeübte Leser*innen kaum in der Lage sind, unsinnige von sinnvollen Satzkombinationen zu unterscheiden. Es ist nicht schwer sich auszumalen, was das im Zusammenhang mit Lebensbewältigung bedeutet. Besonders dramatisch sind solche Ergebnisse in Bezug auf die Mündigkeit der Menschen bei der demokratischen Teilhabe am politischen Geschehen.

Resümee

Bibliotheken könnten die perfekten Orte für selbstgesteuertes Lernen, freiwilligen Wissenserwerb und nicht gelenkte Persönlichkeitsentwicklung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sein, wenn sie denn nur von mehr Menschen und vor allem öfter genützt würden. Dass in Österreich nur 9% der Bevölkerung – und unter diesen besonders wenige Jugendliche – die Öffentlichen Büchereien (Volksbüchereien) wenigstens einmal im Jahr aufsuchen, ist ein viel größeres bildungsmäßiges Armutszeugnis als das Abschneiden bei PISA & Co. Warum das so ist und was die Politik unternehmen müsste um Bibliotheken besser zu organisieren und auszustatten, soll im zweiten Artikel der Serie „Baustelle Bibliothekswesen“ im April-Heft der Volksstimme erörtert werden.

Bisherige Tagungen (ab 1983)

 

Vorgeschichte:

10.11.1982 – Auftaktveranstaltung des Max Winter-Kreises: Versuch der Gründung einer Arbeitsgemeinschaft von Verlegern, Buchhändlern und Bibliothekaren

Zu den Tagungen, für die es keine elektronischen Dokumente in dieser Auflistung gibt, können Einladungen und Protokolle bzw. Berichte aus dem physischen KRIBIBI-Archiv als Kopie zugesendet oder vor Ort eingesehen werden. Diesbezügliche Anfragen sind bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu richten.

KRIBIBI-Wochenendtagungen:

 04.11.2017 Das österreichische Bibliothekswesen im Vergleich mit internationalen Best-Practice-Beispielen
Einladung | Bericht
04.-05.11.2016 Armut und Bibliotheken – eine Herausforderung
Einladung | Bericht
06.-07.11.2015

Informationsethik — za’wos brauch’ma des?
Einladung | Bericht

07.-08.11.2014

Alles neu? Bibliothekarisches Berufsbild im Wandel
Einladung | Bericht

08.-09.11.2013

Copyright — Copyleft — Copywrong. „Geistiges Eigentum“ in einer digitalisierten Welt
Einladung | Bericht

09.-10.11.2012 Auf der Leiter zum Bibliotheksparadies
Einladung | Bericht
05.11.2011 „Wohin mit KRIBIBI
Einladung | Bericht
06.-08.05.2011 „Zahlen, bitte! Bibliotheken in Zeiten der Ökonomisierung“
Einladung | Bericht
12.-14.11.2010 Sind wir nicht alle ein bisschen SpongeBob? Prekäre Arbeitsverhältnisse — nicht nur — in Bibliotheken. Staus quo — Kritik — Perspektiven
Einladung | Bericht
07.-09.05.2010 „Aus Spaß an der Freud’“ Ehrenamt zwischen Selbstausbeutung und Selbstverwirklichung?
Einladung | Bericht
06.-08.11.2009 Bibliothek als kritischer Raum
Einladung | Bericht
15.-17.05.2009 Angriff auf die historische Erinnerung
Einladung | Bericht
07.-09.11.2008 Giftschrank oder Freihand? Über „Schmutz und Schund“ in Bibliotheken
Einladung | Bericht
11.-13.04.2008  So viele Sprachen du sprichst, so oft bist du Mensch — Interkulturelle Bibliotheksarbeit
Einladung | Bericht
16.-18.11.2007  Offene Bibliothek
Einladung | Diskussionsprotokoll | Bericht
04.-06.05.2007  Digital Divide und Bibliotheken
Einladung | Bericht
10.-12.11.2006  BücherFrauenBibliotheken
Einladung | Bericht
05.-07.05.2006  Lernort Bibliothek
Einladung | Bericht
11.-13.11.2005  Öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken in Österreich — Netzwerk als Ziel?
Einladung | Bericht
27.-29.05.2005  Politik und Bibliotheken
Einladung | Bericht
05.-07.11.2004  Lobby für Bibliotheken
Einladung | Bericht
21.-23.11.2003  Lesen kann die Welt verändern: PISA-Studie und Leseförderung (PISA= Programme for International Student Assessment)
Einladung | Bericht
21.-23.03.2003  Eine andere Welt ist möglich. Was GATS* uns das an? Neoliberalismus und Bibliotheken (*GATS = General Agreement on Trade in Services)
Einladung | Bericht
24.-26.05.2002  PI.IB@KRIBIBI (PI.IB = Angewandte Ethik, z.B. Informationsethik) Wende oder Ende eines Berufsbildes? Eine Spurensuche
23.-25.11.2001  Bibliothekarische Fortbildung: Strukturen — Defizite — Kooperationen
18.-20.05.2001  New Librarians? Zur Situation bibliothekarischer Aus– und Fortbildung
17.-19.11.2000  Kritische BibliothekarInnen — das 21.Jahrhundert und die Informationsgesellschaft (Internationales Treffen der Progressive Librarians)
16.-18.06.2000  Literarische Leseinitiativen in Österreich / Die KRIBIBIs im 21.Jahrhundert: Veteranentreffen oder Aufbruch zu neuem Engagement?
19.-21.11.1999  wer wie wo was wann warum liest. Mediennutzung — Leseverhalten — Lesesozialisation
28.-30.05.1999  Getrennt und doch gemeinsam? Die Stellung der Schulbibliotheken im Bibliothekswesen Österreichs–
13.-15.11.1998  Grenzenlose Bibliotheken — Virtueller bestand durch Internet  Co.-
05.-07.06.1998  Die Bibliothek — ein Unternehmen? Grundlagen des Bibliotheksmanagements -
14.-16.11.1997  (K)eine heile Welt im Kinder– und Jugendbuch?–
18.-20.04.1997  Sozialstaat in der Krise — Büchereien in der Krise?
18.-20.10.1996  Die Bücherei ist weiblich!? Die Frau, die Leserin, die Bibliothekarin……
19.-21.04.1996  Kulturarbeit und öffentliche Bibliotheken
10.-12.11.1995  Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt. Der andere packt sie kräftig an und handelt (Dante Alighieri) — Auf dem langen Weg zu einer Fachhochschule für Informationsberufe
07.-09.04.1995  Zum Standort öffentlicher Bibliotheken im Zeitalter elektronischer Datennetze
11.-13.11.1994  Wer will ans Netz? Informationen über Bibliotheksverbundsysteme
18.-20.03.1994  Die Ehre der Amtlichkeit — Zur Situation der ehrenamtlichen BibliothekarInnen
12.-14.11.1993  Präsentation und Agitation — Büchereien brauchen mehr Öffentlichkeit
23.-25.04.1993  Die Büchereien und ihre Partner (Autoren, Verlage, Buchhandel)
06.-08.11.1992  Vorwärts, und nicht vergessen…..10 Jahre Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Renner-Institut
13.-15.03.1992  Bibliothekare und Fachhochschule — Zur Zukunft unserer Berufsausbildung
11.-13.10.1991  Die Arbeit der österreichischen Betriebsbüchereien
14.-16.06.1991  Zukunftsperspektiven des österreichischen Büchereiwesens
07.-09.12.1990  Wird die Bücherei noch eine Bücherei sein? Ein Ausblick auf die Zukunft
04.-06.05.1990  Das slowenische Büchereiwesen in Kärnten
10.-12.11.1989  Sekundäranalphabetismus — Anzeichen der Ausgrenzung sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen in der Wohlstandsgesellschaft. Können wir Bibliothekare etwas dagegen tun?
25.-27.11.1988  Die Zukunft des Lesens. Bilden Nichtleser das Proletariat von morgen?
10.-12.06.1988  Zur Situation sozialistischer/linker/emanzipatorischer Kultur– und Bildungspolitik 100 Jahre nach Gründung der SPÖ
13.-15.11.1987  Büchereigesetz
10.-12.04.1987  Berufsbild
07.-09.03.1986  kein Titel
15.-17.11.1985  kein Titel
22.-24.3.1985  Erwachsenenbildung und Büchereiwesen; Büchereientwicklungsplan
09.-10.11.1984  Umgehen mit Literatur
23.-24.03.1984  kein Titel
07.-08.10.1983  kein Titel
29.-30.04.1983  Modell Zukunftswerkstatt

Jahrestagung 2017 Bericht

KRIBIBI-Jahrestagung 2017: Das österreichische Bibliothekswesen im Vergleich mit internationalen Best-Practice-Beispielen

Die Bibliothekssysteme der Welt sind sehr unterschiedlich gestaltet. Die KRIBIBI-Tagung am 4. Nov. 2017 versuchte herauszufinden, welche Systeme als Vorbild für das österreichische Bibliothekswesen gelten können. Gastland in diesem Jahr war Slowenien. Mag. Stanislav Bahor von der National– und Universitätsbibliothek Ljubljana erläuterte die Entstehungsgeschichte und die gegenwärtige Situation der Bibliotheken seines Landes.

Slowenien ist in der glücklichen Lage, ein Bibliothekengesetz zu besitzen, welches das ganze Bibliothekssystem regelt. Das erste Gesetz stammt aus dem Jahr 1961, die aktuelle Version von 2015. Das Bibliothekssystem besteht aus der National– und Universitätsbibliothek, den Schulbibliotheken, Spezialbibliotheken, Hochschulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken. Genaue Informationen können auf der KRIBIBI-Webseite www.kribibi.at abgerufen werden.

Am Samstag-Nachmittag stand zunächst die Präsentation des wegweisenden Projekts der Zusammenführung von Stadtbücherei Wiener Neustadt und der dortigen Fachhochschulbibliothek im Zentrum. Marion Götz, die zukünftige Leiterin der gemeinsamen Bibliothek, erzählte wie das Projekt entstanden war, welche Ziele es verfolgt, wie der derzeitige Stand der Planungen ist und welche Angebote es künftig für die Bevölkerung von Wiener Neustadt und Umgebung als auch für die Studierenden am neuen Standort im Zentrum der Stadt geben wird. Der Plan sieht vor, dass es tatsächlich eine Bibliothek geben soll und nicht zwei unterschiedliche an einem Standort.

Anschließend analysierte Nikolaus Hamann anhand von weiteren 10 Ländern (Dänemark, Finnland, Litauen, Malta, Norwegen, Rumänien, Schweden, Südkorea, Trinidad & Tobago und Ungarn), was fortschrittliche Bibliothekssysteme für die jeweilige Bevölkerung bieten. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie auf der Basis eines einheitlichen Gesetzes geregelt sind. Selbstverständlich haben alle diese Länder, in denen Bibliotheken eine so viel größere Rolle spielen als in Österreich, auch einen Ethik-Kodex für Bibliothekar*innen. Auch dazu finden Sie nähere Informationen auf www.kribibi.at.

Außerhalb des Programms informierten Sabine Aigner und Helmut Alexander Schlatzer vom „Theater Baum/Schere – Bibliothek der Sinne“ über ihre Arbeit, die auf großes Interesse gestoßen ist. Für Bibliotheksevents der etwas anderen Art kann KRIBIBI die Protagonist*innen nur empfehlen. http://theater-baum-schere.st2.click/

Am Vorabend der Tagung fand die Gründungsversammlung des Vereins kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI) statt (bisher waren wir ja ein Arbeitskreis). Die Vereinsgründung wurde notwendig, weil uns das Karl-Renner-Institut der SPÖ heuer die Unterstützung entzogen hatte. In den Vorstand gewählt wurden Nikolaus Hamann als Vorsitzender, Ulrike Retschitzegger und Regina Jank. Die Statuten und eine Beitrittserklärung finden sich ebenfalls auf unserer Webseite.

Nikolaus Hamann
Bibliothekar i.R.

 

Einladung Jahrestagung 2017

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Der Arbeitskreis kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI) lädt ein zur

Jahrestagung 2017

Das österreichische Bibliothekswesen im Vergleich mit internationalen Best-Practice-Beispielen

Termin

Freitag, 3. November 2017, 18:30 Uhr bis
Samstag, 4. November, 18 Uhr

Ort

Büro des Vereins „transform!at“
Gußhausstraße 14/3 (Hochparterre rechts)
(nahe Karlskirche; vom Hauptbahnhof erreichbar mit U1 /Stationen Taubstummengasse oder Karlsplatz; sonst auch U4 / Station Karlsplatz)

   

Inhalt

Österreichs Bibliothekswesen ist zerrissen wie kaum ein anderes auf der Welt. Nationalbibliothek, Universitätsbibliotheken, Öffentliche Büchereien, Schulbibliotheken – sie alle werden von verschiedenen Trägern erhalten und nach unterschiedlichen Regeln geführt. Die Zuständigkeiten – wenn solche überhaupt existieren – sind auf verschiedene Ministerien und dort auf verschiedene Abteilungen verstreut, Zusammenarbeit gibt es kaum.
KRIBIBI tritt schon seit vielen Jahren für eine Vereinheitlichung des Bibliothekssystems ein. Dem Wunsch der letzten Jahrestagung folgend, wollen wir uns heuer mit internationalen Best-Practice-Beispielen beschäftigen. Wir werden uns das slowenische Bibliothekswesen anschauen, einen Überblick über andere – in unseren Augen gelungene – Systeme geben und das österreichische Vorzeigebeispiel der Zusammenführung von einer Fachhochschulbibliothek mit einer Stadtbücherei in Wiener Neustadt präsentieren.

 

Programm

Freitag
18:30
Gründungsversammlung des Vereins kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI). Unsere erste Generalversammlung gehört offiziell nicht zur Tagung, ist aber für alle Interessierten offen. Die Tagesordnung findet sich am Ende des Programms.
Die Gründungsversammlung am Freitag (ohne anschließendes Abendessen) kann auch ohne Bezahlung der Teilnahmegebühr besucht werden. Wir ersuchen aber um vorherige Anmeldung unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Samstag
09:00
Begrüßung und Vorstellungsrunde
Bericht aus der Gründungsversammlung
10:15 Kaffeepause
10:30 Vortrag und Diskussion
Stanislav Bahor (National– und Universitätsbibliothek Ljubljana):Das slowenische Bibliothekswesen
12:00 bis 13:30
Mittagessen
13:30 Vortrag und Diskussion
Marion Götz (FH-Bibliothek Wiener Neustadt): Das Projekt der Zusammenführung von FH-Bibliothek und Stadtbücherei in Wiener Neustadt
15:00 Kaffeepause
15:30 Vortrag und Diskussion
Nikolaus Hamann (Stillfried): Yes, we they can. Österreichs Bibliothekswesen im Vergleich mit internationalen Best-Practice-Beispielen
17:00 Feedback, Themen für die nächste Tagung
18:00 Abendessen

 

Tagungsbeitrag: 40 Euro (für Mitglieder 20 Euro)
Darin enthalten sind Nächtigung im Doppelzimmer für Teilnehmer*innen mit Wohnort außerhalb von Wien, Frühstück, Mittag– und Abendessen. Bei der Reservierung eines Einzelzimmers muss der Aufschlag des Hotels direkt an der Hotelrezeption bezahlt werden.

Ihre/Deine Anmeldung soll bis spätestens 27.Oktober bei uns eingetroffen sein.
→ zum Anmeldeformular

Die Anmeldung ist verbindlich. Eine Anmeldebestätigung und eine etwaige Bestätigung der Zimmerreservierung werden Ihnen/Dir zugesandt. Bei Stornierung der Teilnahme erwarten wir uns eine schriftliche Abmeldung mindestens 3 Tage vor der Veranstaltung.

→ zu den Teilnahmebedingungen

Bitte zahlen Sie den Tagungsbeitrag auf folgendes Konto ein:

EmpfängerIn: Verein kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI)
IBAN: AT76 4211 0251 2242 0000
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Verwendungszweck: KRIBIBI 2017

Die Gründungsversammlung am Freitag kann auch ohne Bezahlung der Teilnahmegebühr besucht werden . Wir ersuchen aber um vorherige Anmeldung.

Erreichbarkeit des KRIBIBI-Koordinationsteams: www.kribibi.at, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder
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Tagungsberichte früherer KRIBIBI-Tagungen stehen hier bereit.

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E I N L A D U N G

zur offenen* Gründungsversammlung des Vereins
kritischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI)
im Rahmen der Jahrestagung 2017

(* teilnehmen können alle Interessierten, wählen und abstimmen aber nur Mitglieder)

Zeit: Freitag, 3. November 2017, 18:30 Uhr
Ort: Lokal von transform!at, 1040 Wien, Gußhausstraße 14/3 (Hochparterre re.)

(
nahe Karlskirche; vom Hauptbahnhof erreichbar mit U1 /Stationen Taubstummengasse oder
Karlsplatz; sonst auch U4 / Station Karlsplatz)

T A G E S O R D N U N G

  1. Begrüßung
  2. Feststellen der Beschlussfähigkeit
  3. Vorstellungsrunde
  4. Feststellen der Stimmberechtigten und Ausgabe der Stimmkarten
  5. Anträge (müssen spätestens eine Woche vorher bei Nikolaus Hamann eingegangen sein! Ad-hoc-Anträge müssen von der GV genehmigt werden.)
  6. Statut: Diskussion und Beschluss
  7. Überblick Finanzen, Voranschlag
  8. Angebot Sponsoring
  9. Gebühren: Diskussion und Beschluss
  10. Einsetzen der Wahlkommission (zwei Personen)
    Wer kandidiert für welche Position?
  11. Wahlen:
    1. Vorsitzende/r
    2. Schriftführer/in            (a, b und c bilden den Vorstand)
    3. Kassier/in            
    4. Rechnungsprüfer/innen (zwei Personen)
  12. Kooptierungen in den Vorstand
  13. Einsetzen einer Arbeitsgruppe zur Überarbeitung der Ziele
  14. Imbiss und gemütlicher Abschluss

Um Anmeldung wird dringend gebeten!

Nikolaus Hamann e.h.

Offenheit als demokratisches Prinzip

Artikel Libreas # 32

Offenheit

Offenheit – das ist ein Wort, das Erwartungen weckt und Möglichkeiten verspricht. Denken Sie nur an die „offene Gesellschaft“, wie sie Karl Popper in den 50er Jahren gezeichnet hat, denken Sie an die „offene Zweierbeziehung“ der sexuellen Revolution in der Folge von 1968, denken Sie an den Begriff „offenes Haus“, das Besuche ohne vorige Vereinbarung verspricht.

Auch heute sind wir mit einer Vielzahl von Begriffspaaren konfrontiert, die das Wort „offen“ bzw. „open“ beinhalten: „open culture“, „open data“, „open government“, „open source“, „open access“, „open archiving“ und viele viele mehr. Es gibt aber auch Auslegungen von „open“, an die man nicht sofort denken würde. So versteht z.B. der multinationale Konzern Procter & Gamble „open innovation“ dahingegend, dass er die Weiterentwicklung bestehender bzw. die Erfindung neuer Produkte großteils auf die Konsument*innen auslagert und sich damit hohe Innovationskosten erspart.

Letztlich ist auch „Offenheit“ oder „Openness“ nur eine Worthülle, die mit Inhalten gefüllt werden muss. Welche Inhalte das sein können und werden, hängt auch davon ab, wer in der Gesellschaft seine Interessen besser durchsetzen können wird: Die großen Konzerne der Informationsbranche wie Google, Facebook etc., die mehr darauf setzen, dass wir offen (also gläsern) werden, sowie die staatlichen wie privaten Informationssammler und Geheimdienste. Oder die Menschen in Wissenschaft und Kunst, die Studierenden, insgesamt die Bürgerinnen und Bürger aller Länder, also wir, deren Bedürfnis es ist, auf Wissen, Information und Werke der Kultur ohne Zeitverlust sowie ohne technische und finanzielle Beschränkungen zugreifen zu können. Es geht also auch hier um eine Machtfrage, und da kommen Politik und daher auch die Frage nach dem Wesen der Demokratie ins Spiel.

Demokratie

Das Wesen der Demokratie besteht darin, dass das Recht und die Macht vom Volk ausgehen. Wie dieses Volk oder – besser – die Gesellschaft strukturiert ist, fällt dabei nicht ins Gewicht. So wird z.B. das alte Athen gerne als Wiege der Demokratie bezeichnet, obwohl wir alle wissen, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, nämlich die freien, wohlsituierten männlichen Bürger, stimmberechtigt war.

Die Länder des sowjetisch dominierten Systems bezeichneten sich in sinnloser Verdoppelung des Begriffs als Volksdemokratien, was formal richtig gewesen sein mag, aber durch das Diktat der kommunistischen Parteien konterkariert wurde. Ähnliche Kritik kann man zu Recht auch heute gegenüber sogenannten demokratischen Systemen im arabischen oder asiatischen Raum äußern.

Aber auch unsere westlichen repräsentativen Demokratien, mit ihrem System von Wahlen und Parlamenten, kommen dem Idealbild von Demokratie bestenfalls nahe, sind sie doch dadurch gekennzeichnet, dass die Bürger*innen ihre Vertretungen zwar frei wählen können, die wahre Macht aber doch in den Händen von nationalen und multinationalen Konzernen liegt. Die aktuellen – geheimen – Verhandlungen über die Handelsabkommen TTIP und CETA zeichnen ein klares Bild davon.

Die Entwicklung der digitalen Gesellschaften könnte allerdings eine Disruption der gängigen Auffassungen hinsichtlich Demokratie mit sich bringen. Würde die Digitalität doch unmittelbare, zeitnahe und weltumspannende Mitbestimmung der Menschen an allen sie betreffenden Fragen möglich machen. Die Einführung von World Wide Web und Internet mit allen damit verbundenen Möglichkeiten waren eine noch viel größere Disruption, als es die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern seinerzeit war.

Disruptionen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit können also die Verhältnisse transformieren. Darauf müssen Politik und Recht reagieren. Wie darauf reagiert wird, ist wieder ein Ergebnis der gesellschaftlichen Machtverhältnisse, womit sich der Kreis zum Feld Demokratie schließt.

Verknappung versus gemeinsames geistiges Eigentum

Privatisierung und Verknappung sind hinderlich und haben spätestens dann keine Berechtigung mehr, wenn es ums Überleben geht. Stattdessen sollten die Parolen gelten: Aufhebung aller Patente! Freiheit für den Erfindergeist! Kopiert global und schrankenlos! Macht Euch zu Diensten was Euch nützlich ist! Schleift die Mautstellen! Entmachtet die Wegelagerer, die von Euch Zölle verlangen, wenn Ihr Euch bilden wollt!

Solche Appelle wären noch vor 20 Jahren ultraradikale Phrasen gewesen. Heute dagegen stehen die technischen Mittel bereit, um die Gesamtheit des […] wichtigen Wissens so aufzubereiten, dass es möglichst viele verstehen, es so zu verbreiten, dass es alle Erdenmenschen unentgeltlich nutzen können, und so zu präsentieren, dass die Veränderung für eigene Zwecke möglich ist. Solche Darstellungen und Verbreitungen liegen im gemeinsamen Interesse der Menschheit. Deshalb sollten sie ausdrücklich mit dem Zweck des Kopierens und Adaptierens zur Verfügung stehen. Was man heute mit großem Aufwand zu verhindern versucht oder nur stillschweigend duldet, die Verbreitung ohne Zahlung, sollte zum expliziten Ziel werden. Was vom bürgerlichen Standpunkt wie ein gigantischer Raubzug aussieht, wäre tatsächlich eine Wallfahrt für das gemeinsame Wohl.“1

Diese von Hans Thie, dem Wirtschaftsreferenten der Fraktion DIE LINKE im deutschen Bundestag ursprünglich auf den „ökologischen Geist“ gemünzten Sätze können unverändert auch für den „Geist der Offenheit“ in Wissenschaft und Kunst verwendet werden, denn „bei rein geistiger Produktion, also dort, wo geistige Betätigung nicht nur Mittel, sondern Selbstzweck des Wirtschaftens ist, kommen die bürgerlichen Verhältnisse grundlegend ins Rutschen. Hier wanken die bisherigen Gesetze der Ökonomie und zugleich ihre bürgerlichen Formen. Hier ist tendenziell alles anders. Der Geist ist freier Commonist, nicht elitärer Bürger“.2

In der Ökonomie des Geistes gilt laut Thie der Grundsatz, dass dieser umso produktiver sein kann, je allgemeiner und je mehr er der bürgerlichen Eigentumsform entrissen werden kann. Offenheit als politisches Prinzip bedeutet also, Ergebnisse der Wissenschaft und der Kunst nicht mehr primär in ihrer Warenform, sondern als weltweites gesellschaftliches Eigentum zu betrachten.

Dies bedeutet aber per se noch nicht, dass damit quasi automatisch die bürgerlichen Verhältnisse in eine neue, wie auch immer bezeichnete Gesellschaftsform transformiert würden, denn – wie die Initiativen vieler Verlage in Richtung Open Access zeigen – es lassen sich solche Modelle durchaus in die kapitalistische Verwertungslogik einbauen. Auch das intensive Engagement des US-Investors George Soros weist in diese Richtung. Auf jeden Fall aber hat das Prinzip Offenheit eine emanzipatorische Funktion und bedeutet eine Demokratisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse, da sich Wissen und Werke der Kunst auf diese Art leichter und schneller verbreiten lassen, weniger leicht der Willkür der Verlage oder staatlicher Zensur unterworfen werden können, die weltweite Kommunikation fördern und daher auch den weniger entwickelten Ländern neue Chancen eröffnen. Bezieht sich das Prinzip Offenheit auch auf politische Entscheidungen und Akte der Verwaltung, so befördert dies die Transparenz derselben und gibt den Citoyens größere Chancen auf ihre Lebensumstände Einfluss zu nehmen.

Open Access als Teilmenge des Prinzips Offenheit

Geistige Produkte via Internet und WWW als öffentliches Gut zur Verfügung zu stellen ist der wesentliche Inhalt des Prinzips Offenheit in einer digitalisierten Welt. Diese Offenheit kann auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Wirkungen erreicht werden (Open Access, Open Data, Open Science, Open Source …). Für diesen Artikel soll vor allem Open Access beleuchtet werden, da dies für Bibliotheken die größte Relevanz besitzt.

Die Idee des Open Access entspricht ganz den traditionellen Werten und Zielen akademischen Arbeitens, das auf Kollegialität, dem Austausch von Ideen und Ergebnissen, der gemeinsamen Suche nach Erkenntnis und der Verbreitung von Wissen zum Wohle der Gesellschaft insgesamt beruhen. Erst das digitale Zeitalter ermöglicht einen gemeinsamen freien Zugang zu wissenschaftlicher Erkenntnis und zu Forschungsdaten, wie er zuvor unter den Bedingungen des Druckzeitalters nicht denkbar war. Entscheidend dabei ist die Auswirkung dieses neuen Instruments auf die Entwicklung einer Gesellschaft, die den Leitbegriffen von Open Scholarship und Open Knowledge verpflichtet ist.“3

Ziel aller Open-Access-Initiativen ist es, Wissen und Information in digitaler Form für jedermann unentgeltlich und ohne technische oder rechtliche Barrieren dauerhaft zugänglich und nachnutzbar zu machen, was dem Fortschritt sowohl der Wissenschaft als auch der Menschheit insgesamt dient. Unterschiede gibt es in Bezug auf die Ausdehnung des Geltungsbereiches. Minimalforderung ist das Öffentlichmachen von Forschungsergebnissen, die mit Unterstützung der Öffentlichkeit erarbeitet wurden, die Maximalforderung bezieht auch Ergebnisse der Forschungsabteilungen der Wirtschaft bzw. solche, die in öffentlichen Institutionen (vor allem Universitäten und Fachhochschulen) im Auftrag der Wirtschaft erstellt wurden. In Hinblick auf die Maximalforderung werden sehr schnell die Grenzen der gegenwärtigen Open-Access-Politik sichtbar, denn Forschungsdaten z.B. der Pharmaindustrie werden von den Wenigsten gedanklich – geschweige denn tatsächlich – dem Prinzip Offenheit unterworfen.

Exkurs:

Open Access (wie auch alle anderen Kategorien von Offenheit) kann nicht in gleicher Weise für Wissenschaft und Kunst gelten. Während Wissenschaftler*innen in der Regel ihre Arbeit in (mehr oder weniger) gesicherter Position vollbringen, sind freischaffende Künstler*innen sehr wohl darauf angewiesen, ihre Werke vermarkten zu können. Daher wird es – dies nur als Nebenbemerkung – notwendig sein, das Urheber*innenrecht nach Sparten getrennt zu reformieren oder die Einkommensfrage der Künstler*innen generell, etwa durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, auf eine neue Basis zu stellen.

Open Access und Nord-Süd-Beziehungen

”The close link between scientific development and the social and economic wellbeing of a nation has long been recognised. Jawaharlal Nehru, India’s first prime minister, said: „It is science alone that can solve the problems of hunger and poverty, of insanitation and illiteracy… Who indeed can ignore science today? We need it at every turn.“ Likewise, a 1982 UNESCO report states that „assimilation of scientific and technological information is an essential precondition for progress in developing countries“. The InterAcademy Council says: „In a world moving rapidly toward the knowledge-based economies of the 21st century, capacity building in science and technology (S&T) is necessary everywhere. But the need is greatest for the developing countries.„4

Wie bereits im vorigen Abschnitt erwähnt, spielt Offenheit und damit auch Open Access in der Diskussion um gerechte Nord-Süd-Beziehungen eine große Rolle, oft aber in dem Sinn, dass der Norden in (post-)imperialistischer Großzügigkeit die ärmeren Länder an seinem Wissen teilhaben lassen will. Die sich entwickelnden Länder mögen diese Sichtweise naturgemäß nicht sehr gerne und stellen ihr ganz andere Argumente entgegen, warum die Zeit für Open Access bzw. Open Archiving reif sei.

Natürlich ist es wahr, dass die Länder des Südens auf Grund ihrer Armut noch viel weniger in der Lage sind als wir im globalen Norden, die exorbitanten Kosten für traditionell oder digital gespeichertes Wissen aufzubringen. Auch die Forschungsetats sind verständlicherweise viel spärlicher bedacht. Aber die Länder des Südens haben auch eine Menge Wissen anzubieten, das bisher viel zu wenig beachtet wurde, vor allem im Gesundheits– oder Agrarsektor und Klimafragen. Das Ermöglichen eines gerechten Austauschs über Open Access würde also auch dem Norden großen Nutzen bringen.

Die Länder des Südens haben oft – auch das eine Folge von Imperialismus und Kolonialismus – sehr konservative Strukturen für ihre Bildungs– und Forschungslandschaft übernommen. Dennoch haben diese Länder oft einen prozentuell wesentlich höheren Ausstoß an Open-Access-Journalen als manche Länder des Nordens. D.h. auch strukturell kann gegenseitiges Lernen durchaus erfolgversprechend und lohnend sein.

Grenzen und Kritik von Open Access

Kritik an Open-Access-Strategien kam hauptsächlich aus den Reihen der Verleger und aus der Wirtschaft. Erstere war eindeutig vom möglichen Wegfall gewinnträchtiger Geschäftsfelder geleitet und somit von einer gesellschaftspolitischen Position widerlegbar, wird aber von manchen Wissenschaftlerinnen entweder aus einer traditionellen Denkweise heraus oder mit dem Argument unterstützt, Open-Access-Publikationen brächten nicht die gleiche Reputation wie Veröffentlichungen in herkömmlichen Journalen mit hohem Impact-Faktor und behinderten dadurch die wissenschaftliche Karriere.

Die Unternehmen sind oftmals Auftraggeberin für angewandte Forschung und fürchten aus Konkurrenz– und Profitgründen natürlich, durch Open Access Ergebnisse der von ihnen beauftragten Forschung Mitbewerbern gegenüber nicht mehr geheim halten zu können. Gleichzeitig profitiert die Wirtschaft aber auch von schnellerem und kostenfreiem Zugang zu Information. Hier ist genau der Punkt erreicht, wo die Diskussion von der Ebene der allgemeinen Sinnhaftigkeit zur Ebene der Gesellschaftsordnung führt, wo also die Debatte zwischen Weiterentwicklung der bürgerlichen Demokratie oder einem anderen Gesellschaftsmodell geführt werden muss.

Kritik an der Verortung von Open Access innerhalb der bürgerlichen Ordnung kommt aus linken Gruppen. Moniert wird einerseits die ideologische Begründung für Open Access im imperialistischen Diskurs einer „Entwicklungshilfe“ – dazu siehe oben – aber auch die Tatsache, dass Open Access als technische Lösung allein bestehende Ungleichheiten nicht zu vermindern vermag. „[Es]zeigt die aktuelle Definition der Golden Road des Open Access, dass es gerade die großen Wissenschaftsverlage sind, die es sehr genau verstanden haben, Open Access für sich und damit für eine weitergehende Vormachtstellung zu nutzen. War mit der Golden Road ursprünglich nur gemeint, Wissenschaftliche Beiträge offen und frei erstzuveröffentlichen (im Gegensatz zur Green Road, der freien und offenen Zweitveröffentlichung nach einer exklusiven Vermarktung der Beiträge durch privatwirtschaftliche Verlage), wird ‚golden‘ mittlerweile mehrheitlich so verstanden, dass privatwirtschaftliche Verlage nach Zahlung einer Publikationsgebühr die offene und freie Erstveröffentlichung der wissenschaftlichen Beiträge organisieren.“5 Eingefordert wird eine „faire[n] Teilhabe der Fabrikbelegschaften, Konsument*innen oder anderen Ideengeber*innen an den Ergebnissen.“6

Geistiges Eigentum“

“The debate on the value of open access to publicly funded research information is now migrating from ‚whether‘ to ‚how‘.”7 Die Open-Access-Bewegung hat eine Breite erreicht, die eine Implementierung auf jeden Fall erforderlich macht, unabhängig davon, ob damit eine Reform des Publikationsverhaltens innerhalb der bürgerlichen Ordnung gemeint ist oder darüber hinaus dieser Prozess als Teilbereich einer Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse dienen soll.

Hinter der Debatte um Open Access steht die grundsätzliche Frage, wem Wissen eigentlich gehört, und das führt schnurgerade zur Diskussion um „geistiges Eigentum“, die eine zutiefst ethische und daher natürlich auch politische ist.

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die darauf hinweisen, dass Institutionen zum Schutz so genannten „geistigen Eigentums“

• das Wirtschaftswachstum insgesamt eher hemmen und daher nur ein suboptimales
Wohlstandsniveau ermöglichen, da durch den Schutz von so genanntem „geistigen
Eigentum“ nur eine suboptimale Allokation von Wissen zur Steigerung von Effektivität und
Effizienz im Umgang mit knappen Gütern möglich ist;

• zur Reproduktion oder gar Verstärkung sozialer Ungleichheit beitragen;

• aufgrund der technischen Voraussetzungen, die zu ihrer Durchsetzung notwendig sind,
antiliberale– bzw. totalitäre Entwicklungen begünstigen.“8

Insgesamt lässt sich aus der Entwicklung der Schutzrechte für „geistiges Eigentum“ ablesen, dass es eine stetige Tendenz hin zu den Rechten von Verwertungsorganisationen gibt, wohingegen die Rechte der Urheber*innen, der Nutzer*innen und insgesamt der Öffentlichkeit immer weniger Beachtung finden. Das im 18. Jhdt. als gerechter Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen von Urheber*innen, Verwertern, Nutzer*innen und Öffentlichkeit angelegte Kräfteparallelogramm ist aus dem Gleichgewicht geraten. Gerechtigkeit ist aber eines der Grundthemen der Ethik, genauso wie die Ermöglichung eines „guten Lebens“ für alle, was hier sowohl philosophisch als auch sozial-ökonomisch gemeint ist. Dabei ist aber – wie bereits erwähnt – zu beachten, dass Open-Access-Strategien nicht eins zu eins auf künstlerische Produktion umgelegt werden können. Hier muss vielmehr das Urheber*innenrecht („das Arbeitsrecht der Kreativen“9) so geändert werden, dass Künstler*innen erstmals(!) in ihrer Gesamtheit die Chance auf ein „gutes Leben“ bekommen.

 

Nikolaus Hamann
Bibliothekar i.R.

Vorstandsmitglied der Vereinigung österreichischer
Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB)

Koordinator des Arbeitskreises kritischer
Bibliothekarinnen und Bibliothekare (KRIBIBI)
www.kribibi.at

1 Hans Thie: Rotes Grün. Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/VSA_Thie_Rotes-Gruen.pdf, S. 99 f. (abgerufen 22.09.2017)

2 Hans Thie: Rotes Grün. Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft. Eine Veröffentlichung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/VSA_Thie_Rotes-Gruen.pdf, S. 100 f.
(abgerufen 22.09.2017)

3 Hans-Jochen Schiwer: Es wird Zeit, alle alles lesen zu lassen, in: FAZ 05.06.2011, http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/open-access-es-wird-zeit-alle-alles-lesen-zu-lassen-1639084.html (abgerufen 22.09.2017)

4 Leslie Chan, Barbara Kirsop, Subbiah Arunachalam: Open access archiving: the fast track to building research capacity in developing countries. In: SciDevNet (11.02.2005), http://www.scidev.net/global/communication/feature/open-access-archiving-the-fast-track-to-building-r.html
(abgerufen 22.09.2017)

5 Joerg Braun: Ohne Gleichberechtigung und sozialen Ausgleich bleibt Open dicht. In: Digitale Linke (10.07.2012), http://blog.die-linke.de/digitalelinke/ohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht/ (abgerufen 22.09.2017)

6 Joerg Braun: Ohne Gleichberechtigung und sozialen Ausgleich bleibt Open dicht. In: Digitale Linke (10.07.2012), http://blog.die-linke.de/digitalelinke/ohne-gleichberechtigung-und-sozialen-ausgleich-bleibt-open-dicht/ (abgerufen 22.09.2017)

7 Leslie Chan, Barbara Kirsop, Subbiah Arunachalam: Open access archiving: the fast track to building research capacity in developing countries. In: SciDevNet (11.02.2005), http://www.scidev.net/global/communication/feature/open-access-archiving-the-fast-track-to-building-r.html (abgerufen 22.09.2017)

8 Eissler, Stephan: Eine Kritik der Institution des so genannten „geistigen Eigentums“ im digitalen Zeitalter aus Perspektive liberaler Theorien. Vortrag auf der 3. Oekonux-Konferenz in Wien im Mai 2004, http://dritte.oekonux-konferenz.de/dokumentation/texte/Eissler.pdf , (abgerufen am 30.09.2017), S. 46

9 Daniel Leisegang: Die Zukunft des Wissens

Google Books, Open Access und die Informationsgesellschaft von morgen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 53 (11) 2009, http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/november/die-zukunft-des-wissens (abgerufen 22.09.2017)